Gymnasium Marianum

Warburger Schüler beteiligen sich an Documenta

Ein Tempel verbotener Bücher

Documenta 14: Lehrer und Schüler des Marianum möchten die

Warburger anregen, sich an einem aufsehenerregenden Projekt in

Kassel zu beteiligen. Gesucht werden 55.000 zensierte Bücher

 

Die Ausmaße sind gewaltig: knapp 31 Meter breit, 70 Meter lang, die Säulen 10,5 Meter hoch. Die argentinische Künstlerin Marta Minujín will den Parthenon-Tempel der Athener Akropolis in Originalmaßen auf dem Kasseler Friedrichsplatz nachbauen. Das Gerüst wird aktuell errichtet, an das als Fassadensteine 55.000 Bücher gehängt werden sollen. "Werke, die zensiert wurden", sagt Alexandra Dittmeier. Solche Schriftwerke werden gesucht. Deshalb ruft die Lehrerin des Gymnasium Marianum mit ihrer Kollegin Christin Raßmann und Schulleiter Frank Scholle zum Mitmachen auf.

Selbst Verlage beteiligen sich. Suhrkamp und der Insel-Verlag gaben 6.000 Buchexemplare dazu, die Gruppen Penguin und Random House 10.000. "Bis jetzt sind rund 35.000 Bücher zusammengekommen", sagt Henriette Gallus, Sprecherin der Documenta 14, die am 10. Juni in Kassel und Athen beginnen wird.

Selbst solche Klassiker wie Goethes Faust oder die Romane "Der Prozess" und "Die Verwandlung von Franz Kafka gehörten einmal zu den verbotenen Büchern. "Erich Kästners Werke wurden in der Nazizeit verbrannt", sagt Raßmann. Heute sind sie Schullektüre, an denen sich im Unterricht auch die Marianer abarbeiten. Auf dem Friedrichsplatz in Kassel wurden 1933 Bücher im lodernden Feuer vernichtet. Die geplante Installation könne anregen, über Demokratie nachzudenken, sagt Schulleiter Frank Scholle. Raßmann und Dittmeier wohnen in Kassel, gemeinsam fahren die beiden Pädagoginnen morgens zur Schule nach Warburg. "Im Auto entstand die Idee, sich an der Kunstaktion zu beteiligen", sagt Raßmann. Das stieß sowohl im Lehrerzimmer als auch in den Klassenräumen auf breite Zustimmung. "Viele verbotene Bücher stehen als Pflichtlektüre steht auf unserer Unterrichtsliste", hält die Deutschlehrerin fest. Im Geschichtsunterricht von Alexandra Dittmeier wurde die Bücherverbrennung zum Thema. Schüler und Lehrer fahndenden im heimischen Bücherregal nach Schriftwerken, die verboten waren und jetzt wieder verlegt werden oder die noch immer irgendwo auf dieser Welt verboten sind. "Auch die Bibel und der Koran gehören dazu", sagt Dittmeier. "Die Sammelaktion in der Schule begann." Und soll jetzt auf die Stadt ausgedehnt werden. "Die Warburger können mitmachen", werben die beiden Lehrerinnen und rufen zur Spende auf.

Der Tempel der argentinische Künstlerin im Zentrum von Kassel wird historische und politische Umstände sichtbar machen. Die Bücher, die in unterschiedlichen Ländern und Zusammenhängen verboten waren oder es noch immer sind, werden zeigen, "wie mächtig Wörter sind und wie gefährlich sie werden können", bemerkt Raßmann.

Die Schüler in den Räumen der altehrwürdigen Bildungseinrichtung zwischen den Städten in Warburg habe besonders das Beispiel Erich Kästners beeindruckt, berichtet Raßmann aus dem Deutschunterricht. Bei der Verbrennung seiner Werke durch die deutschtümelnden Nazis sei der geächtete Berliner Schriftsteller selbst dabei gewesen. "Dieser Fakt hat unsere Schüler tief getroffen", merkt Raßmann an. Zusehen, wie die eigenen Gedanken in Flammen aufgehen. Die Liste im Laufe der Jahrhunderte in den Ländern der Welt untersagten Bücher, die in der Kasseler Uni erarbeitet wurde, umfasst 2.582 Seiten. Einsehbar ist sie unter der Internetadresse www.documenta14.de und www.nikola-rossbach.de.

"Wir in Deutschland sind in Sachen Zensur zum Glück an einem anderen Punkt angelangt, als in vielen anderen Ländern", sagt Raßmann. Eine Erkenntnis, die den Schülern bei der Beschäftigung mit dem in Kassel entstehenden mächtigen Kunstwerk erst langsam aufdämmerte. "Weil sie mit ihrem Buch am Tempel mitbauen, werden sie auch eine persönlichere Beziehung zur Documenta aufbauen", ist sich der Schulleiter sicher.

Die 55.000 Bücher für den "Parthenon der verbotenen Bücher" der Künstlerin Marta Minujín werden in Folie eingeschweißt, damit sie Regen und Wind widerstehen. Und sie werden den Menschen zurückgegeben, jeder darf sie am Ende der Documenta mitnehmen.

Im Marianum können Warburger Literaturfreunde Bücher für die Kunstaktion auf dem Friedrichsplatz in Kassel abgeben. "Wir sind ein Kulturgymnasium", betont Schulleiter Frank Scholle, da stehe der Schule der Aufruf nur allzu gut zu Gesicht.

Sammelstelle Schulsekretariat

Bücher, die verboten waren oder es in einigen Ländern noch sind, können persönlich im Sekretariat des Gymnasium Marianum bis zum 6. April abgegeben werden (montags bis donnerstags 7.15 bis 13 Uhr und 14 bis 16 Uhr, freitags bis 13 Uhr). Alexandra Dittmeier und Christin Raßmann werden sie dann nach Kassel bringen und für das Kunstprojekt abgegeben.

Die Bücher können aber auch per Post geschickt werden (documenta 14, Stichwort: The Parthenon of Books, Friedrichsplatz 18, 34117 Kassel). Spendenboxen stehen in Kassel vor dem Fridericianum und im Rathaus. Unterstützer werden gebeten, jeweils ein Formular auf www.documenta14.de auszufüllen und beizulegen.

Eine Liste der Uni Kassel ehemals oder noch immer verbotener Bücher, ist ebenfalls im Netz unter www.documenta14.de veröffentlicht und auf www. nikola-rossbach.de einsehbar. Die Liste enthält die Autoren und Buchtitel, die angenommen werden. Sie umfasst mehr als 70.000 Titel.

Von Dieter Scholz und Mareike Schwichtenberg

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