Anti-Mobbing-Woche 2021

Vom 06. bis 09. Dezember 2021 fand unsere diesjährige Anti-Mobbing-Woche in der Jahrgangsstufe 6 statt. In mehreren Modulen wurden die Schülerinnen und Schüler für verschiedene Aspekte dieses Themas sensibilisiert.

Im Folgenden finden Sie Berichte zu verschiedenen Modulen:


Präventionsarbeit gegen Cyber-Mobbing - Besuch von Top-Model Lijana Kaggwa

Lijana Kaggwa (25) will Präventionsarbeit gegen Cyber-Mobbing leisten. In der Jahrgangsstufe sechs des Gymnasium Marianum hat sie von ihren Erlebnissen erzählt und Hilfestellungen für Betroffene gegeben. Foto: Verena Schäfers-Michels

von Verena Schäfers-Michels

Warburg (WB) Lijana Kaggwa war 2020 bis ins Finale der Show „Germany‘s Next Topmodel“ (GNTM) gekommen – und dann ausgestiegen. Sie konnte die Cyber-Mobbing-Attacken nicht mehr ertragen, die wochenlang auf sie niederprasselten. Den Schülern der Stufe sechs des Gymnasium Marianum erzählte sie am Montag ihre Geschichte.

Mittlerweile setzt sich die 25-Jährige aus Kassel selbst für Aufklärungsarbeit zum Thema Cyber-Mobbing ein. Als erste Schule in ihrer Kampagne war sie am Marianum zu Besuch. 2022 möchte sie 15 weitere Schulen in Hessen und Baden-Württemberg aufsuchen.

„Seit ich klein war, wollte ich zu GNTM“, erzählt Kaggwa den 27 Mädchen und Jungen im Klassenraum. „Ich war in Los Angeles, auf Costa Rica, ich habe meinen Traum gelebt und dachte: Mir gehört die Welt.“ Die Begeisterung ist aus ihrer Stimme herauszuhören in Erinnerung an die drei Monate, in denen die Show aufgezeichnet wurde. „Dann kam das böse Erwachen. In jeder Staffel gibt es eine Zicke – und die war ich.“

Was dann auf die junge Frau zukam, geht unter die Haut: Auf 1000 Likes, die sie über Internet-Messengerdienste bekam, kamen etwa 10.000 Hass-Kommentare. Von „blöde Kuh“ bis „bring dich um!“ war alles dabei. Beleidigungen und Morddrohungen von wildfremden Menschen, die Lijana Kaggwa niemals im echten Leben getroffen hatten.

Doch der Hass gelangte auch in die reale Welt. Irgendwie fanden Menschen ihre Adresse heraus, belagerten das Haus ihrer Familie. Sie warfen sogar Giftköder in den Garten, um ihren Hund zu töten, was glücklicherweise nicht gelang.

Genauso schlimm wie die Attacken der Außenwelt, wirkten sich die Worte im Inneren des Models aus. „Ich habe mich selbst nicht erkannt. Wenn alle mich nicht mögen, müssen sie recht haben: Ich dachte, mit mir stimmt was nicht und habe mich verkrochen. Die Hater sehen nicht, wie schlimm das für mich ist, kein Teil mehr von dieser Welt zu sein.“

Zudem bestand die Gefahr, dass mögliche Auftraggeber in der Modellwelt verprellt werden könnten. Zwischenzeitlich steht die junge Frau sogar unter Polizeischutz. Dank professioneller Hilfe konnte sich Kaggwa aus diesen Mühlen des Hasses befreien. Ihr Selbstbewusstsein fand sie dank der Rückendeckung von Familie und Freunden wieder – und entschloss sich, eine Kampagne gegen Cyber-Mobbing ins Leben zu rufen.

Dabei wird Kaggwa von Jasmin Landskron unterstützt, die sich bei der evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck im Programm „Coole Monkeys“ für Jugendarbeit und Prävention engagiert, und vom Bündnis gegen Cybermobbing Karlsruhe, für das Kaggwa inzwischen als offizielle Botschafterin fungiert.

„Ihr seid richtig, so wie ihr seid“, bestärkt Lijana Kaggwa die Schüler. „Sucht euch Zuspruch und Hilfe in eurem Umfeld und blockiert und meldet Hater im Internet.“ Im Gespräch mit den Sechstklässlern wurde rasch deutlich, dass die meisten von ihnen ein internetfähiges Handy besitzen und diverse Messenger benutzen.

Über die Gefahr, selbst in eine Mobbing-Schleife zu geraten, zum Opfer oder Zuschauer werden zu können, klärt das Gymnasium seit Jahren in der Anti-Mobbing-Woche auf. Medienerzieher Stefan Köneke informiert die Eltern, Schulsozialarbeiterin Laura Bolduan und die Streitschlichter arbeiten das Thema in diversen Projekten auf. Zudem besucht Daniel Höra, Autor der Schullektüre „Auf dich abgesehen“, jedes Jahr die Schüler.

„Wir haben im Unterricht schon darüber gesprochen, aber noch nie jemanden getroffen, der das selbst erlebt hat“, sagt Sophia. Ihre Mitschülerin Leana ergänzt: „Ich habe nicht geahnt, dass das so schlimm werden kann, dass jemand Selbstmord begeht.“

(aus dem Westfalen-Blatt vom 07.12.2021)

Auch der Lokalsender Radio Hochstift berichtete am 07.12.2021 über den Besuch von Top Model Lijana Kaggwa.

Hier gibt es den Mitschnitt.


Workshop unserer Medienscouts

Auch unsere Medienscouts boten im Rahmen der Anti-Mobbing-Woche der Jahrgangsstufe 6 einen Workshop an, in dem sie den Schülern den Umgang mit Social Media und lauernde Gefahren verdeutlichten. Die Medienscouts stellten einzelne Apps, Rechte und Gesetze vor und erarbeiteten gemeinsam mit den Sechstklässlern, welche Vor- und Nachteile die Nutzung von verschiedenen Plattformen hat. Darüber hinaus wurde besprochen, wie man sich vor (Cyber-) Mobbing schützen, Betroffene unterstützen und wo man Hilfe bekommen kann.


Nur erfunden und doch so wahr

Daniel Höra liest aus seinem Jugendbuch „Auf dich abgesehen“

Extra aus dem fernen Berlin angereist ist der Jugendbuchautor Daniel Höra, um die unzähligen Fragen der Schüler der Klassen 6a und 6b zu seiner Erzählung „Auf dich abgesehen“ zu beantworten. Als der Carlsen-Verlag nach seinem erfolgreichen Debütroman „Gedisst“ an ihn herangetreten sei, ob er sich vorstellen könne, ein Buch zum Thema Mobbing zu schreiben, habe er zunächst ratlos vor seinem weißen Blatt gesessen. Doch das ca. zehnminütige Video der 15jährigen Amerikanerin Amanda Todd, die die Häme über ein Nacktfoto von ihr im Internet nicht mehr ausgehalten und sich das Leben genommen habe, habe ihn sehr berührt und ihn inspiriert zu der Geschichte von Robert, der im Berliner Stadtteil Kreuzberg Opfer einer beispiellosen und grausamen Hetzjagd wird. Der Name des Protagonisten „Robert“ sei sprechend. Robert heiße der Schimmernde. Robert spiele Basketball und soll von Scouts von Alba Berlin gesichtet werden, weil er erfolgreich, groß, heldenhaft sein sollte, um eine gewisse Fallhöhe zu haben. Der Urheber der Mobbingkampagne gegen Robert habe sein Freund Peppy sein müssen, weil dies besonders unerwartet sei und so die Spannung für den Leser lange aufrecht erhalten werden könne. Er habe aber auch zeigen wollen, wie sich Mobbing vergrößere und verselbständige und sich viele völlig unbeteiligte Außenstehende willkürlich der Jagd auf ein Opfer anschlössen. Nach acht Wochen sei die Erzählung fertig gewesen und die Lektoren und die jugendlichen Probeleser des Carlsen-Verlages hätten keine gravierenden Beanstandungen gehabt.

Die Schüler der Klasse 6a bestätigten, dass sie das Buch gerne gelesen hätten. „Sonst reden die Leute in Büchern, wie kein Mensch in Wirklichkeit spricht“, moniert Romy und Nick, der sonst nicht so gerne liest, sagt, dass er dieses Buch verschlungen habe. Warum die Hauptfigur Robert sich ausgerechnet in die Gastschülerin Mieke habe verlieben müssen, die am Schuljahresende nach Holland zurückkehrt und Robert in völliger sozialer Isolation zurücklässt, möchten die Schüler wissen. Das habe dramaturgische Gründe gehabt, denn so sei die Lage von Robert immer auswegloser geworden. Der Moment, als Robert in seiner Verzweiflung den Fuß auf die Autobahn setzt und in der nächsten Sekunde vielleicht von einem vorbei rasenden Wagen erfasst wird, sei vielleicht die grausamste, aber auch die spannendste Stelle, gibt Herr Höra der Klasse 6a Auskunft.

Auf die Frage, ob er früher selbst auch gemobbt worden sei, erläutert Daniel Höra, er habe sich die Figuren alle ausgedacht und am Schreibtisch viel Zeit mit ihnen verbracht, aber er sei nicht selbst so wie seine Figuren. Diese seien lediglich Produkte seiner Phantasie.

Nicht nur unzählige Antworten erhalten die Schüler bei der Begegnung mit dem Berliner Jugendbuchautoren Daniel Höra am 8. Dezember 2021 im Rahmen der Antimobbingwoche, sondern auch eine persönliche Widmung sowie ein Autogramm in ihre Lektüre und viele Einblicke in den Entstehensprozess von Literatur.