aus: NW vom 18.6.2019, (c) Scholz

„Sechs Jahre Zuchthaus für ein unveröffentlichtes Buch“

Im Zeitzeugengespräch mit Alexander Richter, ehemaliger Häftling der DDR

Der 17. Juni ist für die meisten heute ein ganz gewöhnlicher Tag. Mit Blick auf die deutsche Nachkriegsgeschichte jedoch ist der 17. Juni ein Tag des Gedenkens: 1953 gab es einen landesweiten Volksaufstand von DDR-Bürgerinnen und -Bürgern gegen das SED-Regime, der blutig niedergeschlagen wurde. Von 1954 bis 1990 war der Tag in der BRD in Gedenken an die Opfer dieses Tages ein gesetzlicher Feiertag, ebenfalls mit dem Namen „Tag der deutschen Einheit“ (mit kleinem „d“).

Anlässlich dieses geschichtsträchtigen Datums bot unsere Schule eine besondere Veranstaltung für die Jahrgänge Q1 und EF: Zu Gast bei uns war der Zeitzeuge Alexander Richter, der von seinem Leben und seiner Inhaftierung in der DDR berichtete.

Alexander Richter, geb. 1949, im selben Jahr der Gründung der DDR, entwickelte seit seiner Jugendzeit Kritik am sozialistischen System. Das Schreiben wurde dabei für ihn zum Ventil, um seiner Kritik am SED-Regime Ausdruck zu verleihen. Er verschickte in der Zeit von 1978-1982 im Abstand von zwei bis drei Tagen Briefe an eine Freundin im Westen, deren Inhalt Manuskripte waren, in denen er ehrlich und schonungslos den Alltag und die Probleme der DDR-Bürgerinnen und -Bürger schilderte. Das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) wurde bald ihn aufmerksam, 1982 wurde er auf offener Straße in der Nähe von Potsdam verhaftet. Nach elf Monaten Untersuchungshaft, die er selbst als „schlimmste Zeit seines Lebens“ bezeichnet, wurde er zu sechs Jahren Zuchthaus wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. Durch den Häftlingsfreikauf kam er 1985 in den Westen. Im Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern berichtet er, dass die plötzliche Freilassung und das neue Leben in der BRD zunächst keine Befreiung darstellten, sondern er am Anfang in große Depressionen stürzte. Heute lebt der ehemaliger „Häftling Nr. 46“ des Lindenhotels, wie das alte Gefängnis im Zentrum von Potsdam im Volksmund genannt wurde, im westfälischen Emsdetten und ist als Schriftsteller, Publizist und Zeitzeuge aktiv. Bis heute hat er rund 30 Bücher veröffentlicht. 1992, nach dem Mauerfall, bekam er erstmals Einsicht in seine Akte und erfuhr, dass auch Bekannte und vermeintliche Freunde Informationen an die Stasi weitergegeben hatten.

Die Schülerinnen und Schüler zeigten großes Interesse am ereignisreichen Leben von Herrn Richter, Herr Richter scheute sich seinerseits nicht, auch private Fragen zu beantworten.

Das Zeitzeugengespräch bot die Möglichkeit, die Erinnerung an den Unrechtsstaat DDR in Zeiten der kommerziellen Ostalgie ins Bewusstsein zu rufen und stellt einen wichtigen Beitrag zur Bereicherung des Geschichtsunterrichts an unserer Schule dar. Durch die Begegnung mit Zeitzeugen werden jungen Menschen die Themen Diktatur und Demokratie aus der historischen Perspektive anschaulich gemacht und die Jugendlichen zur aktiven Gestaltung einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft in der Gegenwart und Zukunft motiviert.

Mehr Informationen zum Zeitzeugenprojekt gibt es unter: http://www.vos-zeitzeugen.de/index2.htm

 

Text: Zeynep Yilmaz (Referendarin Englisch/Geschichte)